Wahrnehmung, Darstellung und deren unmittelbare Rezeption sind an zeitspezifische Interpretationsschemata gebunden, ob in der bildenden Kunst, der Historiographie, der Literatur oder allgemein der Kulturgeschichte. Ihren Ausdrucksformen ist eine interdisziplinäre Sicht implizit. Dieser Prämisse kam das ‚Kuratorium für vergleichende Städtegeschichte’ mit der Tagung ‚Bild und Wahrnehmung der Stadt’ am Beispiel europäischer Stadtvorstellungen vom 12. bis zum 19. Jahrhundert fachübergreifend nach, wie der wissenschaftliche Vorstand des ‘Instituts für vergleichende Städtegeschichte’, Peter Johanek, Münster, eingangs betonte. Gleichzeitig verwies er auf den diesjährigen Mitveranstalter der Tagung, die ‘Commission Internationale pour l’Histoire des Villes’. Deren Präsident Thomas Riis, Kiel, erklärte, die ‘Commission Internationale’ habe sich 2001 die ‘image de la ville’ zum Oberthema eines vierjährigen Tagungszyklus gewählt, der mit dem diesjährigen Kolloquium seinen Abschluss finde.
Im zentralen Vortrag der Tagung verwies Peter Johanek anfangs auf den diffizilen, stets kritisch zu überprüfenden Quellenwert historischer Bilddokumente und die daraus resultierende Problematik für die primär auf Textquellen fixierten Historiker. Seit langem schon habe das Institut einen Forschungsschwerpunkt auf die Frage nach Realität und Abbild von Stadtgestalt gerichtet. In einem facettenreichen Vortrag spannte der Referent einen instruktiven, vom Hochmittelalter bis ins 21. Jahrhundert reichenden Bogen auf den drei, dem Thema immanenten Ebenen: Der real gebauten Stadt, der zeitspezifischen Wahrnehmung und schließlich deren bildlicher Umsetzung. Von ottonischen Stadtvorstellungen einer ‘sakralen Landschaft’, über die hochmittelalterliche, durch Mauern begrenzte Stadt und Idealplanungen der Renaissance, bis hin zur Auflösung der herkömmlichen Stadtgebilde durch Entfestigung, Erweiterungen und Neuplanungen ab dem 19. Jahrhundert. Wahrnehmung und bildliche Umsetzung führten von der hochmittelalterlichen Abbreviatur, über eine zitatartige Individualisierung, hin zum wirklichkeitsnahen Stadtportrait der Renaissance. Zäsuren wie Kontinuitäten gleichermaßen notierend, sah Herr Johanek bei der bildlichen Wiedergabe von Stadtgestalt den entscheidenden Einschnitt in der Renaissance, welche nun die individuelle Stadtgestalt von der Gattung Stadt und somit von der Abbreviatur zu trennen vermochte, während die gebaute Stadt erst durch die Entfestigung ihren allgemeingültigen, mittelalterlichen Charakter verlor. Doch konnte die Stadt ein optisch über die Jahrhunderte markantes Merkmal, nämlich die Vertikale in der Silhouette, ungeachtet vielfach geänderter Implikatoren, bis heute tradieren.
‘L’image de la ville chez un chroniqueur normand du XIIe siècle’ nämlich die des anglo-normannischen Geschichtsschreibers Ordericus Vitalis (1075-1142), Mönch in Saint-Evroul, über den André Chédeville, Rennes, referierte, schlug sich vornehmlich in einer differenzierten Terminologie nieder - von vicus, villa, castrum bis municipium, oppidum und urbs -, die der gelehrte Benediktiner bei der Beschreibung der Entwicklung des normannischen Städtewesens in seinem umfangreichen Werk ‘Historia ecclesiastica’ verwandte.
‘Die Stadt der Bilder - das Beispiel Verona’, so der Vortragstitel von Lucas Burkart, Basel, meinte nicht, wie auf den ersten Blick zu vermuten, die Bildüberlieferung zu Verona oder die Bildproduktion in der oberitalienischen Stadt. Primär ging es um familiale und kommunale ‘Bildinvestitionen’ in Gestalt von Stadtpalästen, Villen und religiösen Stiftungen, wobei unter dem Terminus ‘Bild’ sowohl die reale Erscheinungsform als auch deren Abbild subsumiert wurden.
Als einen Aspekt der Marginalforschung wollte Juhan Kreem, Tallinn, seine Untersuchungen zu den ‘Federzeichnungen im Revaler Kämmereibuch’ (1432-1533) verstanden wissen und ging dabei vorsichtig der Frage nach, ob die rund 400 Piktogramme und Notabene-Zeichen eine Quelle für die ‘imago civitatis’ sein könnten.
Drei Vorträge thematisierten Aspekte des Tagungsthemas am Beispiel der Niederlande. Marc Boone und Elodie Lecuppre-Desjardin, Gent, beurteilten ‘Urban identity in the medieval southern Low Countries’ anhand von zeitgenössischen, vornehmlich auf Brügge bezogenen ‘testimonies in text and images’, während Jean-Marie Duvosquel, Brüssel, die ‘Image de la ville dans les Pays-Bas méridionaux: plans et iconographie (XVIe-début XIXe siècle)’ vorstellte. Dabei standen die für ihre druckgraphische Bildproduktion bekannten Städte Antwerpen und Gent im Vordergrund, die ungewöhnliche, großformatige Einzelansichten ihr eigen nennen können, und darüber hinaus in keinem der berühmten, in ihrer Konzeption näher benannten Sammelwerke fehlen; angefangen bei Blaeus ‘Theatrum urbium Belgicae’ (1649) über Guicciardinis ‘Descrittione di tutti i Paesi Bassi’ (1567) bis hin zu Braun/Hogenbergs ‘Civitates orbis Terrarum’ (1572-1647). In den Ausführungen zur ‘Städtischen Geschichtsschreibung in den Vereinigten Provinzen im 17. Jahrhundert: Chorographie und Erinnerungskultur’ richtete Raingard Esser, Bristol, ihren Blick in erster Linie auf Amsterdam. Nach allgemeinen Informationen zu Auftraggebern, Rezipienten und Inhalt niederländischer Stadtbeschreibungen, deren überragender Impetus stets die Selbstrepräsentation war, exemplifizierte die Referentin ihr Thema an Filip von Zesens ‘Beschreibung von Amsterdam’, eine politische und kulturelle Memoria in Text und Illustrationen.
‘Das Bild der Weichselstädte in der polnischen Literatur am Ende des 16. Jahrhunderts’ sah Maria Bogucka, Warschau, vornehmlich negativ beschrieben, sowohl von polnischen Schriftstellern, die weniger das Erscheinungsbild kritisierten, sondern städtische Missstände aufzeigten, als auch von ausländischen, meist italienischen Literaten, deren Interpretationsmuster von den Städten ihres Landes geprägt waren. Positive Beschreibungen evozierte häufig der Adressat selber, etwa bei zwei Drittel der Weichselstädte, die im Besitz von Magnaten waren und um deren Gunst sich die Beschreibungen bemühten; auch die des Schriftstellers Adam Jarzemski auf dessen Texte die Referentin dezidiert einging.
‘L’image de Belgrade après les sources (XVe-XVIe siècles)’ stellte Desanka Kovacevič-Kojič, Belgrad, an den Beschreibungen dreier Chronisten des 15. und 16. Jahrhunderts vor, mit dem tendenziellen Fazit, dass Belgrad unter dem Despoten Stefan Lazarevic (1377-1427) in kurzer Zeit zu einer modernen europäischen Stadt gedieh, deren kulturelle und städtebauliche Kontinuität mit dem Übergang an die Osmanen 1521 ein abruptes Ende fand, und die sich im Folgenden nach orientalischen Vorbildern entwickelte.
Köln und Trier standen im Mittelpunkt der Ausführungen von Wolfgang Schmid, Trier, ‘Zum Image deutscher Metropolen um 1500. Heilige Städte, alte Städte, Kaufmannsstädte’. Ihre Reputation bezogen beide Städte aus ihrem heiligen Charakter und ihren antiken Wurzeln. In schriftlicher wie bildlicher Huldigung fand ihre überragende Stellung eine ebenso vielfältige wie unkritische Rezeption. Auf die Diskrepanz zwischen historischer und städtebaulicher Realität sowie verklärter Bild- und Textdarstellung nahm der Referent explizit Bezug mit einem Ausblick auf Augsburg und Nürnberg. Ungeachtet ihres vorrangigen Status als Kaufmannsstädte argumentieren auch ihre Chroniken mit weit zurückführender Geschichte und religiösem Charakter aber erst im 18. Jahrhundert mit ökonomischem Potential.
Der Frage ‘Wessen Stadt? Wessen Bild? Kreation und Perzeption von Berlin-Images im 18. und 19. Jahrhundert’ ging Marc Schalenberg, Berlin, nach und verglich das tatsächliche Baugeschehen zwischen 1701 und 1848 mit Zeugnissen der bildenden Kunst, genauer der Gebrauchsgraphik und der angewandten Kunst. Denn nicht die Kunstwerke der Akademiemalerei schufen das ‘image’ der Stadt Berlin, sondern in erster Linie kommerziell kalkulierte, populäre Bildzeugnisse - ob als Illustration einer Stadtbeschreibung, dekoratives Einzelblatt, Quodlibet, Souvenirmalerei auf Porzellan oder spektakuläres Rundpanorama. Sie vermittelten einer breiten Öffentlichkeit die Vorstellung von Berlin als wirtschaftlich prosperierende, bürgerlich geprägte und durch den König architektonisch akzentuierte Stadt.
Thematisch und stilistisch subtil wusste die Literaturwissenschaftlerin Angelika Hoffmann-Maxis, Leipzig, ‘Literarische Großstadtdarstellungen im Zeichen der Fremdheit’ zu vermitteln. Nicht die Stadtdeskriptionen bekannter Romanciers des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts thematisierte sie, sondern auf Rom und Paris gerichtete Beispiele der Lyrik, in denen geistige Bilder und Erwartungen mit der Realität kollidieren und folglich Fremdheit evozieren. Angefangen bei ‘Les antiquités de Rome’ (1588) des Joachim du Bellay über Louis Mercier’s ‘Tableau de Paris’ (1781) bis hin zur radikalen Absage an die klassische Antikenpassion und konventionellen Literaturgattungen in Rolf Dieter Brinkmann’s hypertextueller Aussage ‘Roma di Notte’ (1986), mit der die Referentin die elegisch-melancholischen Stadtwahrnehmungen in der von ihr zitierten Lyrik abschließend pointiert konfrontierte.
Wie üblich werden die Tagungsbeiträge in einem Sammelband der Reihe ‘Städteforschung’ des Instituts publiziert.
Michael Schmitt / Patrick Schuchert
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